Bilbao und Hinterland


Plentzia: Sonntagsausflug mit der Metro- Die Ausflügler sitzen in den zahlreichen Restaurants in der Sonne, schmausen und trinken Wein, wie andernorts im Biergarten..

Santander: Vorbei mit dem Bus an einer großen Gießerei, an einer petrochemischen Anlage und Kläranlage- alles was raucht und stinkt. Hüttenwerke waren im frühen 20 Jahrhundert der Motor der Entwicklung der Stadt und des Hafens. In den 1970 Jahren galt Bilbao als eine der verschmutztesten Städte Spaniens. Der Strukturwandel hat viel daran geändert.
Einmal raus aus der Peripherie, freue ich mich über oberbayerische grüne Wälder, die Kühe haben sogar Kuhglocken, dazwischen schnellwachsende Eukalyptuswälder und parasitär wucherndes Pampasgras- obwohl ich ja die großen weißen Wedel mit ihrer Helligkeit liebe. Effektiv hochgezogene Wohnblöcke selbst in kleineren Orten, anrührend, dass dicht dran gleich die Brackwassermänander der Rias fluten und man sieht Menschen dort draussen die Offenheit, das veränderlich Fluide der sumpfigen Flussauen und der Wasserarme genießen.

In Santander sticht der Bau von Renzo Piano für die Stiftung Botin der Santander-Bank heraus, die Flächen des Baus sind mit gewölbten irisierenden Scheiben gefliest, es erinnert an Muschelglanz. Der Bau steht auf einem sehr transparenten Sockel, in dem die Bar untergebracht ist und kragt weit über. Dadurch entsteht seltsamerweise eine besondere Rahmung des Blicks über die Bucht, das Blau des Wassers und des Himmels fügen sich zueinander um die Rotbuche, zu einer leichten hellen Herbstlichkeit. In der Ausstellung die Papierwelten von Thomas Demand, wie in Le Havre von Philip de Gobert wird man gefordert, die Substanz des abgebildeten zu entschlüsseln, aber während bei de Gobert immer auch die Bühne des Menschen spürbar ist, man mögliche Geschichten empfindet, ist die Papierwelt von Demand kalt und abstrakt. Wenn die Stichworte zur anlassgebenden Story nicht wären, würde man diese ganze Arbeit als Spielkram abtun. So, mit dem Bezug auf Matisse und seine Scherenschnitte oder die Folder (leer??) der ersten Pressekonferenz von Trump ergeben sich Hintergründigkeiten, so dass Kunstgeschichte aufgeblättert wird.

Langsam können wir auch die unterschiedlichen Wohnsituationen besser entschlüsseln, in Santander sind viele Blöcke alt, sie riechen nach moderndem Kalkstein, Wäschesterne hängen an den Balkonen, manchmal mit sehr flachen Schirmen, vielleicht gegen das Tropfen von oben, vielleicht gegen das Ausbleichen durch die Sonne. Schulkinder strömen in die umgebenden Wohnungen, wer auf wen wartet, wer bei der coolen Clique steht, oder pfeifend allein geht, abgeholt wird aber man bräuchte Whatsapp, um zu lesen, ob das, was man meint zu sehen, auch so ist, wie es scheint. Monotone Klaviermusik aus einem Fenster, dahinter Ballett- Elevinnen beim warm-up, wie anrührend die Einübung in einer antiquierten Kulturtechnik.
Im Zentrum dann wieder Baukräne und Fassadenabstützungen, lieber doch noch einmal alten Glanz nach vorne hinaus restaurieren.

Einmal in der Woche etwa legt ein Wolkenkratzer an, ein Kreuzfahrer. Dann zischen die Busse im Minutentakt vorbei, einmal rein nach Bilbao und dann gegen Mittag wieder raus. Das Wenden ist ein Schauspiel: dreimal tuten und dann zirkeln, um die dreihundert Meter langen Riesen herauszubugsieren.
Jürgens Geburtstag feiern wir mit einem späten Abendessen (früh geht in Spanien sowieso nicht), super zarter gegrillter Pulpo und frittierte Muscheln. Die erste Bäckerei am Platz baut ein sehr zierliches Päckchen mit handgeknüpfter Schleife- aber leider müssen wir konstatieren, dass Torten nicht so wirklich eine spanische Spezialität sind.

In den letzten Tagen hat sich ein brauner Schimmer sich verfärbender Blätter auf den umliegenden Bergen gebildet, im Hafenbecken treiben welke Blätter und letzte Kite-Foiler, Wir fahren ein paar Stationen mit der Metro raus und laufen auf dem Küsten-Jakobsweg, der böige Wind zieht die Hosenbeine zur Seite, aber der Blick reicht weit raus, die Wolken sind tief und blau, schon können wir die Schaumkrönchen auf dem Wasser sehen. Eine große Gruppe von Personen mit Windhunden kommt uns entgegen, wir stellen uns die wilde Jagd vor unten auf dem Strand, wenn sie losgelassen werden, aber schneller als die Windhunde kommt der Regen und dann, auf den letzten Metern werden wir noch tüchtig nass.

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