Zeebrügge/Brügge/Gent


Von Scheveningen mussten wir das Maas-Scheldedelta bei Gegenwind unter Motor queren, ein Rodeoritt bei kabbeligen Wellen: Bei Gezeit gegen Wind sind die Wellen steiler und mächtiger, im Delta kommen noch die Queerströmungen der Wassermassen von Maas (Rhein) und Schelde dazu. Das erste Mal habe ich Laute des Unmutes über Wellen von Jürgen vernommen. Hafen ist riesig und stark industriell, ganz hinten liegen wir im ehemaligen Fischereck. Um uns herum die mittlerweile bekannte Hafenurbanisierungsbebauung, ein, zwei Geschosse niedriger, einige beleuchtete Fenster und die französische gedimmte Natriumdampfbeleuchtung, fast gemütlich. Mit der Küstentram und Bus nach Brügge. Blankenberge will Seebad sein, Charcuterie und Käseladen sehen lecker französisch aus. Ein Haus mit Art Deco decoration, also der Zeit, als die Walfischbein-Korsetts grade abgelegt wurden, steht mit hängendem Dach zwischen höhergezogenen Stahlskelett-Appartmenthäusern, die Häuser, egal wieviele Geschosse, bildet geschlossene Straßenfronten und anders als in Den Haag, wo fast alle Straßenzüge gleichförmig aussehen, aber jede Wohnung eine eigene Eingangstür, auf Straßenebene oder in überflutungsgefährdeten Bereichen nur durch eine extrem steile Streppe erreichbar. Diese Gleichförmigkeit mit roten Ziegeln, weißen Linien und Fensterecksteinen kann nur durch eine Developper-Finanzierungsstruktur entstanden sein. Hier dagegen ist jedes Haus anders, jedes Zimmer ein Stockwerk so schmal ist die Fassade, dicht an dicht aneinandergelehnt.
Die mir in Erinnerung gebliebenen riesigen Ebenen von Campingplätzen habe ich nicht mehr gesehen, dafür eine Verkaufsausstellung von transportablem Ferienchalets (die robuste, nicht rollende Version von Wohnwagen). Wie in Schichten gibt es die Erlebnisbebauung gleich am Meer, die Beherbergungsbebauung, dann die Wohnbebauung, dann kommt Gewerbe (Garnelenzuchttechnik, industrielle Kartoffelprodukte und das übliche), Landwirtschaft mit der so heimatlich niederrheinischen Struktur von Pappelreihen, Gräben und Weiden, der Wind lässt die Unterseiten der Blätter hellgrau und salbeifarben flackern.
Ich merke, dass sich mein Blick ändert: einerseits schaue ich aus Bus/Tram seitwärts, nicht nach vorne auf die Straße und sehe dadurch viel mehr. Mich umgeben dort mehrheitlich Menschen, die ihren gewohnten Gängen nachgehen, ins Krankenhaus, zur Schule, zur Arbeit fahren. Draussen, neben dem Fahrradweg, mitten auf dem Land, sitzt eine Familie. Vater Mutter Kind sitzt auf dem Gras, die Fahrräder flach am Boden, die Beine ausgestreckt, die Oberkörper abgestützt, wie aus einem Breughel -Gemälde entsprungen. Auf einer Kreuzung kurz bevor die Stadt steht ein Mann, um die vierzig, herausgerissen aus seiner Behaglichkeit mit orangen Plakaten eingesandwicht, protestierend gegen die Autofahrer, auf dem Plakat kann ich nur Umwelt und Klima entziffern, eine ferne Auswirkung der rabiaten Überschwemmungen weiter östlich.
Ich steige aus und bin am Touristenziel, einem, dass nunmehr mit den anderen Zielen aus zwei Monaten um Würdigung kämpft. Einerseits finde ich das mittelalterlich erhaltene Zentrum schön, ich erinnere mich, wie sehr ich mich vor vier Jahre an der Kulisse von Venedig erfreut hatte, aber ich sehe, wie schwierig es ist, in den Häusern, an denen Tag für Tag massenweise Touristen vorbeigehen, die die possierlichen Häuschen aus einer ganz anderen Zeit bewundern, ein heutiges Leben mit den Möbeln in heutigen Dimensionen, Küchen mit heutigen Utensilien und eine geschützte Privatheit zu leben. Was genau finden wir daran toll? Kaum einer würde heute so dicht am Nachbarn leben wollen, mit so vielen Nachbarn gedrängt. Denken wir, dass ist unsere wirkliche Geschichte? Was davon wirkt wirklich noch- und wie?
Der überwältigende Geruch der vielen Chocolatiers und Waffelbäcker markiert „Belgien“, die chinesischen Spitzen und Gobelintaschen sind sourveniertauglich. Brügge war 2002 Kulturhauptstadt, das Netzwerk der Beziehungen hält und so wird der Sommer kulturell ausgeschmückt. Auf dem Burgplatz Nachwuchsmusiker, grade macht eine Countrysängerin den Soundcheck. Das Concertgebouw -Gebäude ist eindrucksvoll. Leider ist grade heute nix im Programm.
Im Groetehusmuseum die Rogier van der Weyden und den van Eyck bewundert. Unglaublich, wie einen die Gesichter anschauen über die Jahrhunderte hinweg, in hyperrealistischer Ausleuchtung,wie war das möglich in diesen dunklen Ateliers mit Talglichtern?

Beim Umsteigen sehe ich einen älteren Mann, belgische Stoppeln,klobige Schuhe, ihm fehlen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Der Enkel im Kinderwagen, die Enkelin hat den Kinderwagen fest im Griff, rosa Tüllprinzessin. Er richtet ihr die Haare mit der verstümmelten Hand, liebevoll bleibt sie auf dem Kopf liegen, es ist das beste, was ihm passiert ist seit langem, dass er so ein Kinderköpfchen kraulen kann.

Freitagabend ist Ausgehtag, man trifft sich bei Bier und Häppchen, Geselligkeit, auch hier am Hafen, scheint doch zu funktionieren, wird genossen. Bier in Tulpengläsern, von Zartgelb bis Moorbraun leuchten sie, die Gespräche gehen über Tischgrenzen hinweg. In Gent sehen wir dann auch diverse Junggesellenabschiede, viel ist nachzuholen.

Gent gefällt mir gut, der Kern ist mit vielen gut hergerichteten historischen Bauten kompakte Historie, aber es gibt auch viel Neues, eine Universität mit vielen Studenten und, da die Bausubstanz an vielen Stellen an Prenzelberg vor der Gentrifizierung erinnert, scheint auch noch Freiraum zu existieren. Eine exquisite Buchhandlung in der Nähe vom Hauptbahnhof ist gleichzeitig ein Schreibmaschinenmuseum. Schöne belgische Mode (leider auf dem Boot fehl am Platze) ist der Rest der mittelalterlich florierenden Textil und Tuchindustrie. Die Stücke sind teuer, aber man scheint sie zu pflegen: es gibt erstaunlich viele Schneidereien, die Waschsalons haben nicht nur Waschmaschinen und Trockner, sondern auch Mangeln und Bügeleisen. Interessante kleine Läden mit kreativen Dingen. Auf dem Balkon des Theaters entwickeln ein Tänzer und ein junger Schauspieler eine Choreographie im Sonnenschein, zwei Typen in weißen Anzügen schauen der Performance zu. Wie gerne würde ich das Stück sehen in dem diese Szene eingebaut wird!


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