Helgoland- Terschelling- Nachtfinsternis II


Zollfreier Diesel! Und dann in Richtung Holland. Im ersten Moment sah es aus, als läge ein weiterer roter Sockel vor Helgoland, sogar mit weißen Spitzen, aber es ist kein Rotsandstein und Lummerschiss, sondern ein riesiges Containerschiff auf Reede. Wir biegen hinter dem Verkehrstrennungsgebiet in die Inshore Traffic Zone ein. Im Grunde 70 Meilen in Richtung West-Südwest. Wir werden dieser Linie bis morgen früh folgen. Der Wind frischt auf und kommt sehr achterlich, unangenehm, dann auch noch Gewitter bei Borkum. Normalerweise leide ich nicht an pavor nocturnus, jetzt habe ich Bammel. Umstandslos wird es dunkel. Gegen Mitternacht taucht kurz eine haardünne Mondsichel auf, verschwindet. Und dann ist es dunkel. Ganz dunkel. Mal wie in einem Kohleschacht, staubig- rußig schwarz am Himmel, manchmal sieht man das Wasser wie ein Flötz glitzern, eher aber bleibt es schwarz, man kann noch nicht einmal die Horizontline sehen, sondern konstruiert sie nur aus den Lichtblitzen von den Leuchtfeuern auf Schiermonikoog und Ameland, eine Handvoll Fischerlichter, das war´s. Eine Zeitlang können wir ein paar Sterne sehen, aber dazwischen ist viel nasse dark matter am Himmel. Wie tröstlich so ein Leuchtfeuer mit seinem Lichtstrahl durch die Nacht streichen kann! Die erste Helligkeit kommt zwei Stunden vor Sonnenaufgang, alles ist noch elefantengrau, ab und an wird ein grünlich leuchtender flatternder Fleck rötlich und flattert lautlos weg, dann haben wir einen Vogel vor uns aufgeschreckt , die Reflektion unserer Richtungslaternen auf dem weißen Bauch einer aus dem Schlaf aufgeschreckten Möve.
Diesmal kein honigsüßes Licht, dass über den Rand des Horizonts über das Wasser ausgegossen wird, sondern einfach wird die obere Kuppel ein kleines bisschen heller und so wurde Himmel und Wasser geschieden. Plötzlich sehen wir einen purpurroten Kreis hinter uns, auf grauem Nebeltuch, Wolke drüber, fertig. Friesisch herb. Weiteres Licht, Regen beginnt, man riecht die nahe staubig trockene Sanddüne feucht werden, dann frischer Wattmodergeruch, Schlamm und Tang. Kleinste Spuren von Nicht-Dunkelheit. Regenwolken wie dunkelgraue Kuhbäuche, grünschlammiges Wasser und schon ist die grade gewonnene Horizontline durch feingestrichelten Regen verloren. Dann werden wir mit einem kräftigen Guss begrüßt, harter süßer Regen. Wieselgrau, Benzinrauchblau, Braunkohlebrandrauchblau, Eisgrau, Maulwurfgrau. Das Wasser schuppt sich, Schaum wie Echsenhaut.
Terschelling klingt nach Sturm: die vielen Leinen, Wanten, Masten sirren in allen Tonlagen, grundiert vom Tuten der Bojen, die auch akustisch auf Prielwege aufmerksam machen.
Vielleicht muss man Nächte sammeln, wie andere Stadteindrücke sammeln, nur dass man Nächte nicht als Reiseziele deklarieren kann und man kann sich nicht rausziehen wie aus einem Ort oder einer Performance, sie kommen, sind da und gehen. Die Romantiker haben sie aufgeladen mit Empfindsamkeit, dem schönen Gefühl, dem Trubel des sozialen Lebens entrückt, der Natur und seiner eigenen Natur nahe. Am Tag drauf ist man aber übernächtig und verkatert, wundermächtigen Rausch stelle ich mir anders vor.

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