Lissabon



Das Licht hier ist südlich:, die Luft ist trocken, der Sonneneinfall ist senkrechter, das Violett der Jacaranda muss sich zusammenballen, um nicht gegen den azurblauen Himmel zu verschwinden, die Mimosen sind krass gelb und hellen das Schattendunkel unter dem Schirmbaum des Miradour Gloriosa auf, das Zartrosa der Tamarisken, die karminroten Bürsten des Lampenputzers Callistemon, die Farben sind ungebärdig, sie strengen sich an und widerstehen der Helligkeit des Lichts. Ich lege den Kopf schief , durch meine polarisierte Brille flimmert der Tejo bronze-gold, ein verlorener Schatz Topaze auf dem Grund des Flusses. In der Hitze delirieren die barocken Formen vergessener Paläste, träumt die Tanzakademie von graziösen afrikanischen Moves, gewaltigen Sprüngen und drohenden dumpfen Fussgeräuschen,
Heute im MAAT, einem umgebauten Elektrizitätswerk mit Bildersaal, der daneben stehende Neubau wirkt fast wie eine Jakobsmuschel geschwungen, mit einer vorsichtigen Öffnung zum Fluss hin, als würde der Bau das Wasser des Tejo ein- und ausatmen. Im Neubau zwei Ausstellungsbereiche, einer mit einer großen Videoprojektion einer taiwanesischen Stadt, einem rollerblade artigen Sprawl, der aber durch die Verlangsamung die Dichte, das Getriebene und Drängende der Stadt verliert. Einerseits ist durch die Größe und schwingende Spiegelarchitektur der Projektion gesichert, dass der Sichthorizont ausgefüllt wird, ungeniert gebe ich mich der Schaulust an den fremden Gesichtern hin, bis irgendwann die Erschöpfung der vergeblichen Ansptrengung eintritt, Sinn oder Bedeutung dem Geschehen beizumessen. Vielleicht ist das der Bill Viola Effekt: Werden Szenen schnell geschnitten, registriert man sie matter of factly und ganz im Sekundenurteil befangen wird die Szene zur einfachen Geschichte. Dehnt sich der Moment, wird die Gelegenheit zum zweiten Eindruck genutzt, reflektiert und nach Bedeutung gesucht, wobei man im Bildlichen an sehr enge Grenzen stößt.
Der andrere Teil zeigte wie sich die Immigrantion aus den länglichen Regionen und den Ex_Kolonien Areale erschließt, Häuser squatten, Musik produzieren. Warum schließt sich diese Gruppe den amerikanischen Vorbildern an, welche Leerstellen oder Freiräume bietet die Stadt- macht Stadtluft immer noch frei oder wirft es zurück in ältere Formen von clanartigen Gebilden, weil es keine urbane Gemeinschaft gibt die sie auffängt? Interessanterweise wird in den Ausstellungserläuterungen nur der Anspruch der einzelnen Sektionen beschrieben, eine Zuordnung zu den Exponaten, quasi als Beweisführung fehlt. Dennoch glaube ich, dass dass Maat eine Institution werden könnte, die die Selbstreflexion von Lissabon unterstützen kann. Schließlich gibt es noch ein weiteres Gebäude mit wundervoll restaurierten Maschinenräumen des alten Elektrizitätswerks. Ich könnte tausend Bilder machen, hier ist das letzte Mal eine industrielle Revolution wirklich manifest, das Gebäude ist aus industriellen Ziegelsteinen, aber mit den herrschaftlichen Strukturen (riesige Sprossenfenster in riesigen kirchenschiffgroßen Hallen), die Maschinen mit enormen Dampfkesselleibern, Geäder von Wasserversorgungsleitungen und Dampfsteuerventilen, brummenden Generatoren und aufs nötigsten reduzierten Steuerelementen.
Am Fluss zu Abend gegessen, der Bahnhof Cais do Sodre teilt das Ufer- den besseren Teil nach Osten hin, den wilderen Teil nach Westen hin. Das Restaurant lag eher im Westen, ein zauberhafter Blick über den Fluss auf die Industrieen auf der anderen Seite. Anderntags musste mein Fahrrad einen neuen Mantel bekommen, der Ausflug führte in wieder neue wild arabische Gebiete der Stadt, faszinierend, wie sprunghaft über einen Block weg eine andere Atmosphäre herrscht. Abends im LX Factory, mit der ich voher schon mit Hannah gewesen war. Das Straßentheater ist eine rechte Nummernrevue, geplatzte Rendevous, eine Motley Crew versammelt sich zum Abteilungsessen in ungewohnter Atmosphäre, sehr stylische POC zeigen, wie angekommen sie sind.

Als wir am Morgen dann losfahren, hören wir den Lärm der Stadt, ihre akustische Kulisse aus Flugzeugen, Fahrzeuglärm, Ambulanzen/Feuerwehren noch stundenlang.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.