Bilbao


La Rochelle nach Bilbao: dunkle, lange Nacht, kein einziger Leuchtturm zu sehen, nachdem der Mond als verglühtes Kohlestück in der staubschwarzen Nacht verschwunden war, nur Sternenhimmel über uns und dasgrün leuchtende Segel. Bis zum Nachmittag konnten wir kein Land sehen – so weit weg waren wir noch nie zuvor. Getxo, der Hafen empfängt uns mit Schwaden von Seifengeruch und der Ahnung von Kohleheizung, Dicht gedrängt stehen große Baukubaturen im Mündungsbereich des Bilbao-Flusses, an der Promenade ein eindrucksvolle Reihe von viktorianischen Südlandphantasien (reiche Engländer haben hier Kurvillen gebaut, es müssen sehr reiche Engländer gewesen sein!), dahinter hohe Appartmentblöcke, häufig dunkelgeklinkert oder verputzt oder vergraut. Nach der strahlenden Helle von La Rochelle wirkt alles dunkel und ernsthaft. Mir wird klar, dass hier der Schatten gefeiert wird (es heißt der Sonne und die Schatten), Schatten ist milde, spendet Kühle, läßt Schlaf und Geselligkeit zu: Man pflanzt beschattete Gänge und Plätze, die tiefen Straßenschluchten ermöglichen Kühle am Grunde, das oberste Stockwerk ist höher, oft mit einer Decke abgesetzt, die offen ist und von einem weit überkragenden Dach wird etwas Schatten auf das darunterliegende Geschoss gespendet. Für den kommenden Klimawandel ist das eine wertvolle Strategie..Anderes Land, anderer Rhythmus: Spät Frühstücken (nur minimal), Geschäfte machen um 11 auf, machen um 14:00 zu, machen um 16:30 wieder auf bis 20:00, Essen ab 20:30- klar dass man dann am anderen Morgen kein Frühstück braucht, wir erinnern uns langsam daran.
Auf dem Weg nach Bilbao sehen wir die Industriebauten- teilweise seit geraumer Zeit verlassen, aber viele noch aktiv genutzt: große Tanks, Fertigungs- und Lagerbereiche. Der AQI in Durango (liegt deutlich landeinwärts von Bilbao ist bei 163 (ab 35 wird grün zu gelb). Der Guggenheim -Bau ist sehr schön, zwischen all den strengen Häusern und Büroblocks ist er verspielt, glänzt, schwingt und dampft (?Klimaanlage?). Eine Gruppe von Frauen tanzt- es sind Putzfrauen, die für besseren Lohn protestieren, sie wollen soviel Geld verdienen wie männliche wie Straßenkehrer. Die Bewegung der Las Kellys (Las que Limpian) versucht in Spanien, eine bessere Bezahlung und deutlichere Wertschätzung zu erreichen. Der Bestand ist nicht vollständig zu sehen, das was zugänglich ist, ist internationale Qualitätskultur, da Guggenheim eine amerikanische Sammlung ist, natürlich von großen amerikanischen Namen dominiert, Richard Serra allein hat eine riesige Halle zur Verfügung gehabt. Die aktuelle Ausstellung zeigt die Amerikanerin Alice Neels mit einer großen Retrospektive: Ich bin unschlüssig: einerseits hat sie sich viel und intensiv mit Menschen in ihren Arbeiten auseinandergesetzt, sie platziert die Portraits und Figurinen mit der Intention der Charakterisierung auf dem Malgrund, aber ihre Farben sind einfach und eher flächig, Grenzlinien werden graphisch eingesetzt, fast wird ausgemalt. Anyway. Das Museo de Bellas Artes hat mich von den Exponaten stärker beeindruckt: einerseits hier klar der Fokus auf Baskischen und Spanischen Künstlern, von denen viele für mich eine Entdeckung sind, und zum anderen haben sie ein anregendes Ausstellungskonzept: Für jeden Buchstaben des Alphabets haben sie einen Begriff gewählt, zu dem dann Bestandswerke zusammengetragen werden. Das ergibt sehr anregende Kontraste und Sinnbezüge. Das Museumscafe war ein wunderbares Schaufenster auf die Menschen im Park, ein wahres Theater des Gehens: muskulöses Walking, plaudernde Frauengrüppchen, Paare in allen Gesprächs- und Schweigeformen, der zum Kinderwagenschieben abgeordnete Vater, der den Wagen weit von sich weg hält, alte Kinder mit noch älteren Eltern, die den obligatorischen Sonntagsbesuch absolvieren, gerne mit großen Konditor-Paketen.
Auf der Plaza Mayor (autofrei) toben Kinder, Eltern treffen sich zum Trinken und Häppchenessen. Immer noch haben wir nicht herausbekommen, was man wannn wo essen kann, unsere Häppchen sind eher trocken, weil zu spät..Wir stellen fest, dass wir nun zwar schon Metro fahren können, Einkaufen und Wäsche waschen können- aber mit den Restaurants müssen wir noch üben.

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