Den Haag- Rotterdam



an der Straßenbahnhaltestelle ein Nordafrikaner, er schreit, flucht, fleht in allen Sprachen, die ihm auf seiner Migration aufgedrängt wurden, italienisch, holländisch, englisch, Brocken. Ein babylonischer Sprachfluss, der verwirrt ist oder berauscht oder krank oder alles.
Ein paar Stationen weiter sind wir im internationales Viertel, dort sitzen die Botschaften aller Herren Länder, der Friedenspalast und internationale Gerichtshof, Weltforum. Alles ist grün und friedlich und großbürgerlich, man frühstückt im Café und feiert vor dem Ende der Sommerferien oder beginnt schon wieder zu netzwerken. Outlocation, also internationale Umzüge, expat rental, expat dental- selbst auf kleiner Ebene werden internationale Krankenscheine, Visabesorungen etc abgewickelt. Es heißt, 20.000 Mitarbeiter der UN und zuzuordnender Organisationen arbeiten in Den Haag. Die Straßenbahn bringt uns ein bischen weiter über die Centralstation nach Süden hinaus, dort gibt es eine ganz andere Internationalität: Straßen, in denen die kleinen Läden von Menschen aus ehemaligen Kolonien, aus Surinam oder von Menschen geführt werden, die ein immer letzter Krieg nach Holland gebracht hat. Asiatische Nagelstudios, Kebabbuden, Internetcafés. Ein überdünner Mann mit goldener Gletschersonnenbrille späht nervös die Straßenbahn ab, eine Gruppe stiernackiger Männer in Fussballtrikots die anderen Männer, deren Kopf genauso rasiert und gescheitelt ist rituell begrüßt.
Im Photomuseum ist eine Ausstellung Borealis dem Nordwald gewidmet, der die Wälder Alaskas, Kanadas, Russlands, Skandianviens und Nordjapan umfasst und gegenüber dem äquatorialen Regenwald gerne unbeachtet ist. Ausbeuterische Rodung, Brände, Klimawandel betreffen ihn aber ebenfalls in ungeheurem Ausmass. Die Photographien zeigen Baumportraits und Menschen, die in der Unwirtlichkeit des Nordens Baumfäller, Trapper, Feuerwehrmann oder Forscher sind.
Nach Rotterdam müssen wir die Metro nehmen,Vorstadt, Gewächshäuser, Land, Vorstadt, Wolkenkratzer und signature buildings. Rotterdam ist, was die Dichte der Hochhäuser betrifft in einer Liga mit Frankfurt und London. Es ist Sonntag und die zu erwartenden Büroangestellten oder Consultants fehlen im Stadtbild, nur ein paar Touristen und wenige versprengte Einheimische- warum sollte man auch in die Innenstadt fahren. Der Hafen ist riesig und kann von uns mit dem Wasserbus gar nicht ermessen werden. Wir sehen belebte, schöne Parks, Skulpturengrachten und zwischen den Hochhäusern ist viel Raum, für Wind und Licht, für Fahrräder und Fussgänger. Parken ist astronomisch teuer. Ich hatte gehofft, im Architekturmuseum etwas zu erfahren über die Konzepte beim Wiederaufbau der Stadt nach der zweimaligen Bombardierung (durch deutsche und britische Truppen) im WKII, bei der man sogar die Wasserleitungen und Infrastrukturkanäle neu gemacht hat. Ein bisschen scheint es so wie bei Kunst aufräumen gewesen zu sein, die Banken um die Börse herum, die Hotels in der Nähe des Museumsparks, dortselbst verschiedene Museen an einem Platz. Doch der Ansatz des Neuen Instituts für Architektur und angewandte Künste ist anders, eher werden in großen Textblöcken Fragestellungen entwickelt und dazu einige Bilder/Installationen zur Veranschaulichung der Fragestellung gestellt. Beispielsweise zur Nutzung von AI bei der Interpretation von Bildern von Wohnräumen. Dabei greift die AI ein Bildelement auf- Spielzeug in Kinderzimmern oder Bücher in einem Wohnzimmer- und assoziiert dazu Gedanken über Pädagogik oder intellektuellen Mehrwert. In einer anderen Box wird über den Anstieg des Umsatzes von Putzmitteln während der Coronakrise berichtet und über die beruhigende Wirkung von Hygiene-Gesten. Ergänzt wird das aber durch hyper-sensoround getunte Wisch- oder Staubsaugergeräusche, die große Nervosität erzeugen. An anderer Stelle wird Raum bereitgestellt für Abschlussarbeiten von Architekturstudenten. Eher ein Lab als ein Museum, und es regt mich zu der Idee an, dass man einmal zu allen Gebäuden dieser Stadt die Projektbeschreibungen und Genehmigungstexte zusammenstellen sollte.
So frage ich mich, wie die Modernisierung des Scheveninger Hafens konzipiert wurde: International schicke Wohnblöcke (wie in Malmö, Mandal, Kopenhagen etc etc), aber kein Bäcker, kein Einkauf, keine Schule und kein Kindergarten. Eigentlich kann hier nur der Consultant wohnen, morgens im Fitnesstudio bekommt er Kaffee und Croissant, Mittags wird man im Büro verpflegt und abends geht man mit Kollegen/Kunden essen oder der Lieferservice kommt. Vielleicht auch noch der pensionierte Professor.
Wir bleiben noch länger, der Wind ist uns zu heftig- zur Freude der Kiter. Beim Weg zur Düne werden die Beine gesandstrahlt, um die Eingänge der Neubauten bilden sich kleine Sanddünen, die Wüste holt sich die Bauten, die Hypothekenvermittlungen und Maklerbüros zurück. Mit dem Fahrrad die Promenade entlang, Holland Casino und Pier- Brighton und seine Standard-Sommervergnügen lassen grüßen. Die Ferien sind zu Ende, das Wetter ist schlecht, die Wlken hängen tief. Das Beelden an Zee Museum grüßt mit Teletubbyartigen Skulpturen, wir lassen es lieber links liegen. Auf eigenen Fahrradsstraßen zum privaten Museum Voorlinden, 2016 eröffnet, auf einem riesigen Landgut, ein paar Kühe sind Teil der Inszenierung einer gepflegten niederländischen Landidylle, darin eine Version der Kunsthalle von Mies van der Rohe in edlen Materialien, raffiniert angelegter pseudonatürlicher Staudengarten, drinnen internationale Wellness-Kunst vom Feinsten. Aktuell wird Robin Rhode gezeigt, der sudafrikanische Stop – Motion Künstler. Während in Wolfsburg, der Arbeiterstadt, der Aspekt der Arbeit in prekären Vierteln Südafrikas herausgehoben wird, wird hier eher über den Tree-of Life meditiert. Nach vielen Tagen an der frischen Luft, Wind gradezu und spürbar abklingenden Temperaturen genieße ich es, in einem schönen, hellen, luftstillen Raum mit schönen sauberen Dingen zu sein und meine Gedanken spielen zu lassen mit diesen zweckfreien Bildern, aber es ist auch ein wenig ein guilty pleasure unter dem Glassturz. Das Museum könnte genauso gut in Skagen oder auf Usedom stehen und die dort die Möglichkeit einer Art-Idylle postulieren. So ratlos mich das Neue Institut in Rotterdam hinterlassen hat, es nimmt intensiver teil an der Gegenwart und an den spezifischen Situationen in Rotterdam.

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