{"id":211,"date":"2021-07-20T17:06:22","date_gmt":"2021-07-20T16:06:22","guid":{"rendered":"https:\/\/sy-nilsholgerson.de\/?p=211"},"modified":"2021-07-20T17:09:06","modified_gmt":"2021-07-20T16:09:06","slug":"friday-saturday-night-in-arendal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-nilsholgerson.de\/?p=211","title":{"rendered":"Friday\/Saturday Night in Arendal"},"content":{"rendered":"\n<p>Arendal gibt sich M\u00fche, s\u00fcdliches Ferienflair zu verbreiten, in einem Caf\u00e9-Innenhof gibt es Comedy ganz und gar norwegisch, lustige Dialoge, bei denen ein Mann eine Nachtm\u00fctze auf dem Kopf hat und eine Basstuba die musikalische Untermalung leistet. Ein Caf\u00e9 weiter eine \u00e4ltliche Blues-Covercombo, um die Hafengasse flanieren Familien mit hinterherzockelnden Teenagern auf der Suche nach einem Restaurant, andere haben sich entschieden und stehen in einer Schlange vor den schickeren Restaurants auf der Ostseite des alten Hafens. Man sieht hochhackige Schuhe und wei\u00dfe Hemden. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die modischen Codes entschl\u00fcsseln konnte: Kleider mit mehreren Lagen R\u00fcschen sehen zwar aus wie Sahnetorte, sind aber top modern und, wenn die Tr\u00e4gerin die Schulter noch freir\u00fcckt eine klare Freitagsnachtansage. M\u00e4dels sind in Dreiergr\u00fcppchen unterwegs, Jungs eher in gr\u00f6\u00dferen Gr\u00fcppchen und ziehen dann aufgekratzt mit ausgreifenden Schritten los. In einer Gruppe gibt es Gepl\u00e4nkel, eine Familie setzt sich ostentativ hin und h\u00e4lt Blickkontakt, schlie\u00dflich nimmt einer den bedr\u00e4ngten Kumpel, der sich das nicht gefallen lassen will, und schiebt ihn aus der Konfliktzone. Es gibt auch diverse Sicherheitskr\u00e4fte, die herumlaufen. Wir sind zu m\u00fcde, um den Ereignissen des Abends weiter zu folgen. Was braucht man Theater, wenn man dem Leben zuschauen kann? Aber immer liefert uns unsere Phantasie das offensichtliche.<br> Statt Auto-Posing gibt es Motorboot -Stunts. Ein relativ kleines Boot, vollgestellt mit Wikingern, in der einen Hand das Bier, die andere nach oben gereckt, wenn die Musik und die Balance es zulassen, schwappen sie durch den Hafen. Auf dem gro\u00dfen Motorboot sitzen drei distinguierte Paare mit Wei\u00dfwein oder Gin-Tonic Gl\u00e4sern, leider ist das Abendessen nicht gut gelaufen, die Konversation ist in Handygedaddel heruntergedimmt. <br>In den sp\u00e4ten Neunzigern haben wir in Berlin diverse Entwicklungspl\u00e4ne f\u00fcr Bauland betrachtet: an den Erschlie\u00dfungsstra\u00dfen drei- oder viergeschossige Mehrfamilienh\u00e4user, zur L\u00e4rmd\u00e4mmung, dann Doppelh\u00e4user und innen drinnen die Villen. Hat den Vorteil, dass jeder nur auf jeweils eine teurere Wohnsituation schaut und nicht zwei Preisklassen weit blicken muss. Im Hafen ist es umgekehrt, au\u00dfen liegen die gro\u00dfen Yachten und Motorboote (dort sind die Boxengr\u00f6\u00dfen nicht so strikt vorgegeben), innen die kleineren Boote. Die Bootsgr\u00f6\u00dfen sortieren sich gem\u00e4\u00df der vorgegebenen Wassertiefe\/Stegstruktur. In der Marina: Weiter hinten sind viele kleinere Boote untergebracht, die ja auch Fahrdienste leisten (\u201ebring mich mal schnell zu\u2026\u201c). Die Marina in Arendal kann nur online gebucht und bezahlt werden, bei voll norwegischer Sprachf\u00fchrung und noch nicht so elegant integrierten elektronischen Zahlungsmitteln eine gewisse Herausforderung. Lustigerweise f\u00fchrt die Digitalisierung hier zu verst\u00e4rktem Personaleinsatz: mehrfach t\u00e4glich schauen Ferienjobber herum, ob der Liegeplatz, an dem ein Schiff liegt, bezahlt ist. H\u00e4fen sind im Grunde bereits heute Modelle f\u00fcr schwimmende St\u00e4dte, insbesondere hier: Man f\u00e4hrt sein Ferienboot in der Gr\u00f6\u00dfe eines kleinen H\u00e4uschens vom Norden in den S\u00fcden, dockt dort an mit Wasser und Strom und bildet eine kleine Stadt (hier in Arendal vielleicht 500 Boote, also vielleicht 1500 Leute). Sanit\u00e4ranlagen, Waschmaschinen, M\u00fcllabfuhr, F\u00e4kalienentsorgung der Septiktanks werden geteilt \u00fcber die Liegegeb\u00fchren. Ob die Steganlage im Herbst abgebaut wird oder gegen Eisgang gesch\u00fctzt wird, wird vermutlich von Ort zu Ort unterschiedlich gehandhabt. Das deckt die Minimal-Infrastruktur ab- was ist mit komplexeren, sozialen Strukturen?<br>Arendal hinterl\u00e4sst einen gemischten Eindruck: eine Schar von fancy People genie\u00dft die Sonne, Freizeit, speist f\u00fcrstlich und geht auch zum Friseur, Nagelstudio (sonst noch nie gesehen) oder Spa. Die Landesverwaltung hat sich mit einem schicken neuen Geb\u00e4ude eingerichtet und die Bauwirtschaft unterst\u00fctzt, aber viel lokales, ganzj\u00e4hriges scheint es hier nicht zu geben. Im Internet kursieren Aufs\u00e4tze \u00fcber die Entwicklung von neuen Dienstleistungssekturen durch Ankurbelung der Nachfrageseite- fast k\u00f6nnte das missgl\u00fcckte Marina-Buchungssystem ein Beispiel sein. Im glossy fancy Arendal magazine ist ein Artikel \u00fcber ein Batteriefabrik und in der Zeitung sehe ich eine Zeichnung, die die ausgemusterte \u00d6lbohrstation in einen F\u00e4hranleger umbauen will. Gro\u00dfe Pl\u00e4ne.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Gegenwind nach Kristiansand<br>Wurde von den D\u00e4nen 1656 angelegt, wie die spanischen Kolonialst\u00e4dte im Rechteck-Schema, im nordwestlichen Quadranten stehen noch Holzh\u00e4user, ganz d\u00e4nisch hygge mit Blumen und Bank. Der Industriehafen ist von F\u00e4hrbetrieb (D\u00e4nemark) gepr\u00e4gt und hat eine kleine Containerlagerfl\u00e4che, Fisch nat\u00fcrlich auch. F\u00fcr eine Stadt mit ca 120.000 Einwohnern ein fantastisches Kulturangebot: Theater, separates neues und pr\u00e4chtiges Opernhaus, riesige Bibliothek, Kunsthalle, mindestens drei freie Galerien, ein ehemaliges Silo wird zum Kultureventspace umgebaut. Die Kanalbyen ist nach dem Vorbild von Malm\u00f6, Oslo etc im Bau, verdichtetes Wohnen, vier bis f\u00fcnfgeschossig, Blick aufs Meer, sieht hochwertig aus. Die einen werden sagen, schade um die sch\u00f6nen alten Holzh\u00e4user, die anderen k\u00f6nnten meinen, dass Europa einfach auch von den Wohnbedingungen her und architektonisch zusammenw\u00e4chst. <br><\/p>\n\n\n<ul class=\"wp-block-categories-list wp-block-categories\">\t<li class=\"cat-item cat-item-6\"><a href=\"https:\/\/sy-nilsholgerson.de\/?cat=6\">Reiseberichte<\/a>\n<\/li>\n\t<li class=\"cat-item cat-item-3\"><a href=\"https:\/\/sy-nilsholgerson.de\/?cat=3\">Technik<\/a>\n<\/li>\n\t<li class=\"cat-item cat-item-1\"><a href=\"https:\/\/sy-nilsholgerson.de\/?cat=1\">Uncategorized<\/a>\n<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arendal gibt sich M\u00fche, s\u00fcdliches Ferienflair zu verbreiten, in einem Caf\u00e9-Innenhof gibt es Comedy ganz und gar norwegisch, lustige Dialoge, bei denen ein Mann eine Nachtm\u00fctze auf dem Kopf hat und eine Basstuba die musikalische Untermalung leistet. 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